Free by Lama David

Free by Lama David

Author:Lama, David [Lama, David]
Language: eng
Format: epub
Publisher: KNAUS
Published: 2015-05-04T04:00:00+00:00


19

Eindeutig: Zeit zu klettern. Das nächste Wetterfenster tut sich vier Tage nach der Diskussion mit Colin und Zack auf, aber Charly Gabl warnt von Innsbruck aus: Für den Torre wird’s nicht reichen.

Unsere Strategie, statt dem Torre notfalls Ersatzgipfel zu machen, hat natürlich auch die Aufgabe, uns ein bisschen Druck wegzunehmen, was unser dezidiertes Ziel betrifft. Das funktioniert im Großen und Ganzen nicht schlecht, aber manchmal spüre ich trotzdem, wie mich die Ungeduld quält, endlich die Bolt-Traverse hinter mir lassen zu können und ein Gefühl dafür zu bekommen, ob Freiklettern dort oben in der Headwall überhaupt möglich ist.

Am 31. Januar gehen wir ins Nipo Nino. Der Plan: auf die Aguja Saint-Exupéry zu klettern. Die Exupéry ist der Nachbargipfel der »S« in der Fitz-Roy-Kette. Wir wollen sie über die Claro de Luna, eine wunderschöne Freikletterlinie im 6c-Bereich, klettern.

Aber erst einmal verlaufen wir uns. Im Torre-Valley, wo sich das Nipo Nino befindet, hängt so dichter Nebel, dass wir, schon kurz nachdem wir losgegangen sind, nicht mehr wissen, wo wir sind.

Wir stehen im Nebel. Vom Aufstieg auf die »S« haben wir noch in Erinnerung, wo der Weg über die Moräne Richtung Exupéry führt.

Peter zeigt geradeaus nach vorne und sagt: »Zur Exupéry müssen wir hier lang.«

Ich deute in dieselbe Richtung und sage: »Hier geht’s zum Torre.«

Problem: Torre und Exupéry liegen auf entgegengesetzten Seiten des Tals. Soll heißen: Wir wissen nicht einmal, auf welche Talseite wir uns zubewegen.

Wir irren gut eineinhalb Stunden herum, bevor wir wieder wissen, wo wir sind. Dabei merken wir, dass wir überhaupt nicht in Richtung Exupéry unterwegs waren, sondern nur einmal das Nipo Nino umrundet haben.

Die Sache fängt ja schon mal gut an, denke ich mir.

Die Claro de Luna ist eine Route, auf der wir einfach ein bisschen zum Freiklettern kommen wollen, anstatt ewig dahinzustiefeln, wie wir das in diesen Tagen zur Genüge getan haben. Jetzt arbeiten wir uns über beschissenes Geröll zum Einstieg der Tour vor. Das Wetter ist grauslich. Es schneit, der Wind pfeift. Wir schauen den Berg hinauf, dann schauen wir einander ins Gesicht. Wenn wir da jetzt hinaufgehen, müssen wir mit Steigeisen klettern, so viel ist klar.

»Was meinst?«, frage ich Peter.

Der schüttelt nur den Kopf, und das ist auch meine Meinung. Diese Tour geht man, um Spaß zu haben, und Spaß wartet da oben heute keiner auf uns. Also drehen wir um und gehen zurück nach El Chaltén.

Es dauert abermals vier Tage, bis das Wetter wieder besser wird. Das Warten in El Chaltén ist zwar mühsam und langweilig, aber wenigstens bekommen wir heuer ein paar Wetterfenster – nicht so wie voriges Jahr. Charly kündigt ein Wetterfenster von zwei, vielleicht sogar drei Tagen an, was für den Cerro Torre zu kurz ist, uns aber reicht, um einen anderen Gipfel zu probieren. Wir visieren die Aguja Poincenot an, den hinter dem Fitz Roy und dem Cerro Torre dritthöchsten Gipfel des Massivs, benannt nach einem Kletterer aus der Expedition von Lionel Terray, der 1952 bei der Erstbesteigung des Fitz Roy ums Leben kam.

Der Poincenot ist ein extrem schöner Berg. Spitz, steil, und man sieht ihn immer von El Chaltén, sobald die Wolkendecke ein wenig aufreißt.



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